Josip Broz Tito – Verräter und Häretiker

Josip Broz Tito – Verräter und Häretiker

Von Elena Bogdanova

Heute wird angenommen, dass wir im Zeitalter des Informationskriegs leben, in einer Zeit, in der das gedruckte Wort genauso gefährlich wie eine abgefeuerte Kugel sein kann. Informationskonflikte sind jedoch keine Neuerscheinung, sondern sind schon mehrmals in der Geschichte aufgetaucht. Ein Beispiel dafür ist der sowjetisch-jugoslawische Konflikt nach der Resolution des Kominforms 1948.

Am Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts spitzte sich in Europa der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten samt ihren Satelliten und Verbündeten zu. Die Hoffnung auf Frieden und Zusammenarbeit nach dem Krieg (unter Einhaltung der Einflusszonen) sind verloren gegangen und die Politik reduzierte sich auf schwarz-weiße Interpretationen. Unter solchen Umständen war die sowjetische Führung immer weniger tolerant gegenüber irgeneine Form von Ungehorsamkeit seitens ihrer Verbündeten. Der Anfang des Kalten Krieges wurde gerade durch die Spannung in den Verhältnissen zwischen den zwei größten Bollwerken des Kommunismus in Europa gekennzeichnet – der Sowjetunion und Jugoslawien.

Der Grund dafür waren häufige Unstimmigkeiten zwischen Josef Stalin und Josip Broz Tito, der in seiner Innen- und Außenpolitik ziemlich selbstständig handelte. Dazu festigte er militärisch-politische Verhältnisse zwischen den Balkanländern, wobei er Moskau umging, was dem Willen Stalins nicht entsprach. Stalin wollte nämlich, dass sich jugoslawische außenpolitische Aktivität nach den Einstellungen der sowjetischen Führung richtet.

Es wäre gut, wenn sie uns konsultieren würden, bevor sie wichtige Entscheidungen treffen, denn anderenfalls könnten wir in eine dumme Lage geraten,“ betonte Stalin in diplomatischer Korrespondenz. Außerdem störte ihn, dass Jugoslawien Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Albanien unter seiner Kontrolle haben wollte. Die immer häufigeren Nachrichten von einer politischen Annäherung zwischen Tito und Bulgarien sowie Albanien verursachten der sowjetischen Führung zusätzliche Sorgen. Dies sorgte für eine negative Reaktion Moskaus, da die KPJ für sich die Führungsrolle bei den Verhältnissen zu ihren Nachbarstaaten beanspruchte, was im Gegensatz zum im Kreml vereinbarten hierarchischen Modell der inneren Verhältnisse des sozialistischen Lagers stand, in dem Moskau als das einzige starke Zentrum vorgesehen wurde.

Die sowjetisch-jugoslawische Verhältnisse spitzten sich insbesondere wegen Albanien nach dem 19. Januar 1948 zu, als Tito dem albanischen Anführer Enver Hoxha vorschlug, eine Basis für jugoslawische Division im südlichen Albanien zur Verfügung zu stellen, und zwar unter dem Vorwand, es bestehe die Gefahr vor dem Einmarsch von anglo-amerikanischen Kräften unterstützten griechischen Soldaten in albanisches Territorium. Dabei bestand das Problem darin, dass Tito diese Entscheidung traf, ohne Moskau um den Rat zu fragen und ohne dass er Moskau über seinen Vorschlag für Enver Hoxha informierte.

Jugoslawien machte Stalin Probleme auch wegen seines selbstständigen Einsatzes im griechischen Bürgerkrieg. Noch seit den Zeiten des Zweiten Weltkrieges leistete Tito Unterstützung an den griechischen Partisanen. Tito unterstützte sie aus mehreren Gründen – dies stärkte sein Ansehen unter den Anführern kommunistischer Parteien aus benachbarten Staaten, die Kriegsgefahr (und die Gefahr einer westlichen Intervention) half bei den Verhandlungen mit Albanien und er machte sich Hoffnungen, dass der eventuell entstandene griechische Staat ein Verbündeter werden könnte, der mehr Richtung Belgrad als Richtung Moskau gravitieren würde. Daran knüpfen noch Titos Träume von der Erweiterung der jugoslawischen Föderation und Vereinigung mit umliegenden Republiken.

Dies stellte Stalin ein Problem dar, da er in den ersten Jahren der Nachkriegszeit noch an eine mögliche Koexistenz mit dem kapitalistischen Block sowie an die Einhaltung der Kriegsvereinbarungen glaubte, laut denen Griechenland nicht in die sowjetische Einflusszone kommen sollte. Tito konnte den kommunistischen Kampf in Griechenland nicht öffentlich verraten, da er die Gehorsamkeit der dortigen kommunistischen Partei verlieren würde und er konnte auch London und New York nicht zeigen, dass er die Kommunisten in Europa nicht vollständig kontrolliert. Deswegen wünschte er sich, dass der Krieg mit einer Niederlage der Kommunisten endet. Titos Unterstützung an griechischen Partisanen erweckte bei den westlichen Mächten den Verdacht, dass Stalin sie anlügt und Tito als einen Mittler verwendet, um den Konflikt anzufachen.

1948 – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

Steigendes Misstrauen gegenüber der selbstständigen Politik Belgrads verfestigte sich wegen Titos Aktionen in Albanien. Die Entscheidung über die mögliche Verteilung jugoslawischer Militärkräfte im Süden Albaniens hätte bedeutet, dass Albanien unter jugoslawische Kontrolle geraten wäre, auch wenn sie nicht zur siebten jugoslawischen Republik geworden wäre. Wahrscheinlich war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und die Ereignisse führten zum Bruch.

Die Spannung stieg in Moskau auch dank den Berichten sowjetischer Gesandter in Jugoslawien, die alle jugoslawischen Entscheidungen als die Folge eines negativen Verhältnisses gegenüber der Sowjetunion interpretierten. Belgrad wagte sogar, einige sowjetische Ideen über die wirtschaftliche Erholung Europas zu kritisieren, und bot eigene Ideen für die Erholung Jugoslawiens. Titos Mitarbeiter Milovan Đilas und Edvard Kardelj wurden auf Beratungen nach Moskau eingeladen. Sie kehrten nach Belgrad mit dem Eindruck zurück, dass es zu „unüberwindbaren Meinungsunterschieden“ kam.

Moskau berief ihre militärischen und zivilen Experten 1948 aus Jugoslawien zurück. Schon davor tauchten in der sowjetischen Korrespondenz Anklagen gegen Jugoslawien auf, dass es vom Weg des Marxismus-Leninismus abgekommen und antisowjetischer Stimmung sei. Jedoch war dabei der Ton dieser Anklagen versöhnlich. Die Korrespondenz zwischen Moskau und Belgrad schnitt auch die Frage der Rolle jugoslawischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg an. Moskau „erinnerte“ am 4. Mai 1948 Tito daran, dass die jugoslawische Partei zu stolz auf ihre Erfolge gegen die Deutschen sei, denn sie wären ohne die Roten Armee „zerstört worden“. Dies kam als eine starke Beleidigung für die jugoslawische Partei und stärkte ihre Treue an Tito, der seine Legitimität auf der Kriegsführung basierte. Belgrad reagierte heftig und lud zu einer Diskussion an der nächsten Sitzung des Kominforms ein.

Das Jahr 1948, als das Kominform (das Beratungsgremium kommunistischer Parteien) vom 19. bis 23. Juni eine Konferenz in der Nähe von Bukarest hielt, war entscheidend für den Bruch zwischen Tito und Stalin. Nur ein Jahr davor fand das erste Treffen des Kominforms statt, wo die jugoslawischen Gesandten die lautesten Kritiker nationaler kommunistischer Parteien waren, denn sie seien „dem Kampf nicht genug gewidmet“. Sie griffen französische und italienische Kommunisten an, die an den Koalitionsregierungen der Nachkriegszeit teilnahmen, obwohl ihre Entscheidung von Stalin unterstützt wurde, dem wichtig war zu zeigen, dass die Kommunisten zusammenarbeiten können – letztendlich konnten sie in diesen Ländern ohne einen Militärkonflikt mit den Westalliierten nicht an die Macht kommen. Das neugegründete Kominform hatte am Anfang sogar seinen Hauptsitz in Belgrad. An der zweiten Konferenz des Kominforms erwartete Stalin, dass die jugoslawische Delegation und insbesondere Tito öffentlich Reue zeigen. Allerdings kam Tito überhaupt nicht zu dieser Sitzung des Kominforms. Der Grund dafür war nicht sein Trotz, sondern die Angst, dass man ihn gefangen nehmen und Jugoslawien angreifen würde. Da Jugoslawien keine Niederlage anerkannt hatte, entschied sich Stalin die Gelegenheit zu nutzen, um Jugoslawien aus der kommunistischen Welt zu exkommunizieren.

Verrat und Häresie

Die Tatsache, dass die Jugoslawen ihre vermeintlichen „Fehler“ nicht eingestehen wollten, wurde als Verstoß gegen die Linientreue verstanden. Die Konferenz resultierte mit der bekannten Resolution „Die Situation in der kommunistischen Partei Jugoslawiens“, die am 29. Juni 1948 in Zeitungen veröffentlicht wurde und der ganzen Welt den sowjetisch-jugoslawischen Konflikt bekannt machte.

Das Kominform teilte Folgendes mit: „die Führung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens verfolgt in letzter Zeit in Grundfragen der Außen- und Innenpolitik eine falsche Linie, die eine Abweichung vom Marxismus-Leninismus darstellt,“ „die Führung der KPJ betreibt eine feindliche Politik gegenüber der Sowjetunion und die KPdSU“, „man verbreitete verleumderische Propaganda über die „Entartung“ der KPdSU, der Sowjetunion usw.“ „In der Innenpolitik verlassen die Anführer der KPJ Positionen der Arbeiterklasse und entfernen sich von der marxistischen Klassentheorie und der Theorie des Klassenkampfes.“ „Sie verleugnen die Tatsache, dass in ihrem Land kapitalistische Elemente stärken,“ „die Anführer der KPJ wiederholen den Fehler der Menschewiken, der darin besteht, dass man eine marxistische Partei in einer nichtparteilichen Massenorganisation auflösen lässt.“ „In der KPJ gibt es auch keine innerparteiliche Demokratie, keine Kritik oder Selbstkritik…“

Am Ende wurde in der Resolution des Kominforms festgestellt, dass die Führung der KPJ „sich und die Kommunistische Partei Jugoslawiens aus der Familie brüderlicher kommunistischen Parteien, aus einer einheitlichen kommunistischen Front und aus den Reihen Kominforms ausgeschlossen hat“.

Die Verfasser der Resolution hofften jedoch, dass es in der KPJ „genug gesunde Elemente gibt, derer Aufgabe ist, die Führung zu zwingen, offen ihre Fehler einzugestehen und sie zu korrigieren“ oder im Falle, dass die Führung dazu nicht fähig ist, „sie von der Macht zu stürzen.“ Das war natürlich eine Einladung an alle treuen Kommunisten, Tito und seine Mitarbeiter abzusetzen, was Tito beunruhigte und antistalinistische Säuberungen anregte.

Bald erfolgte die Antwort der jugoslawischen Seite, in dem das ZK KPJ die sowjetischen Behauptungen und Kritiken bestritt. Jedoch war es zu spät, da die sowjetische Propaganda mit einer massenhaften Kampagne gegen Jugoslawien und insbesondere gegen Tito anfing. Sowjetische Journalisten wussten, was für Informationen ihre Führung von ihnen erwartete und fachten das Feuer des Konflikts zusätzlich an.

Propagandakrieg

Beispielsweise berichtete der Journalist S. Borzenko am 22. Juli 1948 in der Pravda mutig darüber, dass die jugoslawische Bevölkerung „die betrügerische Politik der Führung ihres Landes“ verstand. Das feindliche Verhältnis der sowjetischen Medien bezog sich nicht nur auf den jugoslawischen Staat und ihre kommunistische Partei, sondern auch auf Tito und seine Umgebung.

Eine besondere Rolle bei der Erzeugung dieses negativen Porträts spielte ein journalistischer Text in der Pravda vom 8. September 1948, der den Titel „Wohin führt der Nationalismus der Tito-Gruppe?“ trug. Es wird angenommen, dass der Autor dieses Artikels Stalin selbst war. Im Artikel wird Titos „Gruppe,“ „Fraktion“ oder „Clique“ (Titos Gruppe…der Clan politischer Mörder) und seine nächste Umgebung im Kontrast zum Rest des Volkes hervorgehoben („Es gab nicht und es wird nie eine Kampagne gegen das Volk Jugoslawiens geben“).

Es ist interessant, dass im Text Tito mit ähnlichen Begriffen beschrieben wird, wie die inneren Feinde des sowjetischen Regimes der 1930er („Titos Gruppe weichte von den kommunistischen Parteien, und erklärte ihnen den Krieg“). Der Autor stellt Tito als einen gewissen Verräter des sozialistischen Systems und der Prinzipien des Internationalismus dar, und schreibt ihm die Zusammenarbeit mit dem amerikanisch-imperialistischen Lager zu („In der Wahrheit stellte sich heraus, dass sich Titos Gruppe in den Dienst der Imperialisten stellte“) und erklärte ihn fast zum westlichen Spion.

Eine Phrase, die häufig in sowjetischen Medien und in der diplomatischen Korrespondenz auftauchte, war die Anklage für Häresie, da es nur einen Weg in Sozialismus gibt – jenen von Moskau und nicht den nationalistischen Weg Belgrads.

Außer dem erwähnten Text in der Pravda und ähnlichen Materialien ist auch die „Volkskunst“ merkbar, bzw. die Karikaturen, von denen einige als Illustrationen im Rahmen dieses Artikels dargestellt sind.

Jugoslawien reagierte auf die Anklagen Moskaus und fing schrittweise an, die Sowjetunion Folgendes zu beschuldigen: des Versuchs, Sozialismus zu reformieren, der Politikführung und der Position des „großen Bruders“. Der aggressive politische Druck wurde sogar als der sowjetische Imperialismus bezeichnet, worauf noch weitere schwierigere Anschuldigungen folgten. Die sowjetische Form des Sozialismus wurde als die „Herrschaft der bürokratischen Klasse und des staatlich-kapitalistischen Despotismus“ bezeichnet. Moskau fing auch eifrig an, alle Zeichen der politischen Ungehorsamkeit in anderen osteuropäischen Ländern zu sanktionieren. In der Führung Jugoslawiens bestand eine rechtfertigte Gefahr, dass es zu einem Militärangriff auf Jugoslawien oder zur Ermordung Titos kommen könnte. Die vor Kurzem entstandene NATO erwog ernsthaft die Möglichkeit, dass sie Jugoslawien von einer eventuellen Invasion der Roten Armee verteidigen sollte.

Später schrieb man dieser Zeit den apokryphen Zitat Titos zu: „Genosse Stalin bitte hör auf, deine Agenten nach Jugoslawien zu schicken, mit dem Auftrag mich zu töten. Wir haben schon sieben deiner Männer gefangen genommen, die solche Absichten hatten. Wenn das nicht aufhört, werde ich gezwungen sein, einen meiner Männer nach Moskau zu schicken und dann wird es nicht nötig sein, dass ich einen Zweiten schicke.“ Höchstwahrscheinlich handelte es sich dabei nicht um eine echte Nachricht, da es sich um eine populäre Anekdote handelt, die sich erst im Laufe der Destalinisierung verbreitete.

Am Ende 1949 wurden Kontakte zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien trotz den formell bestehenden diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Erst zur Zeit Nikita Chruschtschows, des neuen Anführers der Sowjetunion wurden die Beziehungen zwischen den zwei Staaten normalisiert.

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