Die unsterbliche Frau und ihr tödlicher Krebs

Die unsterbliche Frau und ihr tödlicher Krebs

Von Viktor Alanovic

Ihr Name ist vergessen, doch sie ist für einen Großteil der modernen medizinischen Durchbrüche verdienstvoll. Sie starb nämlich an einem extrem aggressiven Krebs, der sich im Laufe des Jahres auf alle ihre Organe verbreitete. Sie ist gestorben, ihre Zellen leben aber weiter.

Henrietta Lacks war eine arme afroamerikanische Hausfrau und Mutter von fünf Kindern. Sie wurde 1920 als Loretta Pleasant in Roanoke im US-Bundesstaat Virginia geboren und lebte in der Nähe von Dundalk, einer Stadt die heute ein Vorort von Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) ist. Zusammen mit rund zehntausend anderen Menschen nahm sie an einem Marsch für die Erfindung eines Heilmittels gegen Polio teil. Der Marsch fand in New York Ende Januar 1951 statt. Da sie vaginale Blutungen hatte, besuchte sie ein dortiges Krankenhaus.

Ihr wurde Gebärmutterkrebs diagnostiziert und sie trat bald nach der Diagnose in Behandlung. Der behandelnde Gynäkologe nähte mit Radium gefüllte Stofftaschen auf ihre Cervix (dies war eine frühe Form der Brachytherapie, beziehungsweise der internen Strahlentherapie). Henrietta starb am 4. Oktober 1951, nachdem Tumore fast jedes Organ in ihrem Körper befallen haben. Ihre Zellen lebten aber weiter.

Der „unsterbliche“ Krebs

Ohne ihr Wissen führte der behandelnde Arzt während der Operation eine zusätzliche Biopsie des Tumors aus und schickte eine Probe zur Analyse an ein lokales Team für die Erforschung von Gewebekulturen. Die Probe wurde vom Forschungsleiter George Otto Gey empfangen, der bis dahin 30 Jahre erfolglos versuchte, die von Krebs betroffenen menschlichen Zellen zu kultivieren. Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben bis dahin mehr Zeit daran verbracht, die Zellkulturen am Leben zu erhalten, als sie zu erforschen.

Gey legte die Zellen einer Probe in einer Petrischale am 9. Februar 1951, fügte eine Nährlösung hinzu und ließ sie wachsen. Ein Teil der Krebszellen fing an, schnell zu wachsen. Die Zellen begannen sich, unbegrenzt zu vermehren. Anstatt auszusterben, verschlangen sie das Nährmedium und füllten die Reagenzgläser und Petrischalen. Eine Generation konnte sich alle 24 Stunden verdoppeln. Sie wurden zu den ersten kultivierten Krebszellen der Geschichte. Bald wurde auch entdeckt, wie man sie isolieren und eine neue Zellkultur kultivieren kann. Auf diese Weise erhielt man eine unerschöpfliche Quelle von untersuchbaren Zellen. Die Zellkultur wurde „HeLa“, nach dem Namen der Patientin, benannt, obwohl ihre Herkunft bis zu den 1970ern nicht bekannt war.

Schon im folgenden Jahr wurde ein Impfstoff gegen Polio, derselben Krankheit, gegen die Henrietta kurz vor ihrer Diagnose marschierte, erfolgreich entwickelt. Die HeLa-Zellen wurden für die Zucht und die Untersuchung von Viren verwendet. Das Institut für Polio-Bekämpfung baute eine Anlage zur Herstellung von HeLa-Zellen, und Gey verteilte die Zellproben an seine Kollegen in der ganzen Welt. Die Anwendungsmöglichkeiten in der Forschung waren grenzenlos – mithilfe von ihnen wurde Krebs sowie der Lebenszyklus von Viren, die Proteinsynthese und die Reproduktion von genetischem Material untersucht. Interessant ist, dass durch eine „zufällige“ Entdeckung festgestellt wurde, dass der Mensch 46, und nicht 48 Chromosomen hat, wie bis dahin angenommen wurde. Bald konnten Wissenschaftler auf der ganzen Welt erfolgreich Zellen wie die HeLa-Zellen auch basierend auf Proben ihrer Patienten kultivieren. Es wurden Zellen aus der Prostata, der Plazenta, den Brüsten oder dem Knochenmark kultiviert. Das Problem war aber, dass Zehntausende von Wissenschaftlern falsch lagen.

Eine Kultur kontaminierte alle Labors

Man darf nicht vergessen, dass die ungewöhnliche Möglichkeit der HeLa-Zellen eigentlich eine Form starker Malignität waren und dass auch die kleinsten Mengen der HeLa-Zellen andere Zellkulturen überwältigen konnten. Genau dieses Szenarium spielte sich auch ab. Unvermeidliche Fehler während der Experimente verursachten die Kontaminierung der Laborgeräte. Die wissenschaftliche Kollegialität verbreitete die damals erstaunlichen HeLa-Zellen in alle Ecken der Forschung. Es gelang ihnen viele Experimente unbemerkt zu kontaminieren, da die Zellen in Pipetten und Petrischalen überlebten. Schon zu Beginn der sechziger Jahre wurde bemerkt, dass menschliche Krebszellen in Experimenten erscheinen, die Kulturen aus tierischen Geweben zu kultivieren versuchten.

Der Genetiker Stanley Garter untersuchte im Jahr 1967 siebzehn Kulturen von unterschiedlichen Zelltypen aus verschiedenen Labors. Alle waren HeLa-Zellen. Die amerikanische Zentralbank für Zellkulturen entdeckte im folgenden Jahr, dass 24 von 34 Kontrollzellkulturen tatsächlich HeLa-Zellen waren. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre wies Walter Nelson-Rees auf das Problem hin, dass fast alle Zellkultur-Banken der Welt wahrscheinlich mit den HeLa-Zellen „infiziert“ waren.

Tausende von langjährigen Forschungen wurden „über Nacht“ unbrauchbar, da sie an den mit den HeLa-Zellen kontaminierten Proben durchgeführt wurden. Die wissenschaftliche Gemeinschaft wehrte sich gegen die weitere Aufdeckung der Ausmaße der Kontamination, da viele wissenschaftliche Karrieren wegen „nicht geltender“ Befunde zunichtewerden konnten. Ein frustrierter Jonas Salk, der Schöpfer des ersten Polio-Impfstoffes, sagte 1978 aus, dass er die Teilnehmer seiner Forschungen wahrscheinlich mit HeLa-Zellen injizierte.

Eine interessante Episode spielte sich in der Sowjetunion ab. Im Rahmen des Krieges gegen Krebs (einer vom amerikanischen Präsidenten Nixon gestarteten Initiative) und der Détente kam es zu einem Austausch von vielversprechenden Gewebekulturen. Russische Wissenschaftler sandten fünf Gewebekulturen verschiedener Patienten. Nelson-Rees musste ihnen mitteilen, dass es sich bei allen Proben um die HeLa-Zellen handelte.

Obwohl in der Zwischenzeit entsprechende Tests entwickelt wurden, wurden viele Kulturen auch weiterhin nicht testiert. Laut einer Studie aus 1999 waren 45 von 252 Zellkulturen (18%) aus 27 von 93 Quellen noch immer kontaminiert, aber nicht nur durch HeLa-Zellen, sondern auch durch Zellen aus Experimenten, die Gewebekulturen anderer Arten enthielten.

Einige Wissenschaftler fragten sich, ob es nicht möglich wäre, dass der sehr aggressive und anpassungsfähige Krebs von Henrietta Lacks schon mutierte und am Rande einer neuen, den Viren ähnlichen Lebensform, ist. Richard Strathman, Van Valen und Virginia Maiorana stellten diese Frage im Jahr 1991. Es ist interessant, dass es sich um zwei Thesen in der gleichen Ausgabe der Fachzeitschrift „Evolutionary Theory“ handelte, die unabhängig voneinander entwickelt wurden. Van Valen und Virginia Maiorana benannten sogar die neue Spezies als „Helacyton gartleri“ („Hela“ nach dem Namen der Zellen, „cyton“ nach dem griechischen Wort für Zellen und „gartleri“ nach dem Genetiker Stanley Gartler, der als erster ihre „aggressive Leistung“ dokumentierte). Die Wissenschaftsgemeinde akzeptierte diesen Vorschlag nicht, obwohl er die versehentliche Schaffung einer völlig neuen Lebensform implizierte.

Die Familie blieb im Dunkeln

Henrietta war vergessen. Erst im Jahre 1973 versuchte ein Wissenschaftler mehr über die Frau zu entdecken, von der die HeLa-Zellen stammten. Er bat die Familienmitglieder um Blutproben und andere genetische Materialien. Die Forscher benachrichtigten die Familie nie über die Existenz der HeLa-Zellen. Erst als BBC einen preisgekrönten Dokumentarfilm The Way of all Flesh über Henrietta und die HeLa-Zellen drehte, wurden Henrietta und ihr Leben der breiten Öffentlichkeit bekannt. Es folgte auch ein Buch von Rebecca Skloot „The Immortal Life of Henrietta Lacks“, veröffentlicht 2010. Im September 2001 sollte die National Foundation for Cancer Research Henrietta Lacks für ihren Beitrag zur Krebsforschung ehren, doch die Veranstaltung wurde wegen der Terroranschläge am 11. September abgesagt. Henriettas Familie kämpft auch weiterhin um Anerkennung und die Rechte auf die HeLa-Zellen – obwohl einige Vereinbarungen geschlossen wurden, veröffentlichten deutsche Wissenschaftler 2013 ein sequenziertes Genom einer Linie der HeLa-Zellen, ohne die Kenntnis der Familie. Nach einer Beschwerde der Familienmitglieder wurde beschlossen, dass die Informationen geheim bleiben werden. Ethische und rechtliche Fragen sind auch weiterhin nicht behoben, doch die hartnäckigen Krebszellen, die Henrietta töteten, leben auch weiterhin.

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